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Myanmars Land-Gerangel

Überfällige Landreform zugute der Landlosen oder eine goldene Gelegenheit für Investoren?

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In den Bergen des Bundesstaates Chin liegt der Geruch von verbranntem Holz und Tannenbäumen in der Luft und die Spitzen der Bergzüge setzen sich blau und violett gegen den Himmel ab.

Die Bevölkerung lebt in den Hochländern, in Isolation auf den hohen Bergen, vertuscht und unterdrückt. Seit Jahrhunderten bestimmten Auseinandersetzungen zwischen den Stemmen die Grenzgebiete zwischen den Sippen in diesem Gebiet. Viele Gemeinschaften betrieben Landwirtschaft in der traditionellen Art und Weise, dem Wanderfeldbau. Es war Brauch, dass der Anführer der Gemeinschaft das Gebiet des Dorfes, einschließlich der Wälder, der Brennholzwälder und das Dorf selbst, in drei Felder, die sogenannten ‚Lopils‘, aufteilte und diese Teilung nach Brauchtumsrecht anerkannt wurde. Es bestand keine individuelle Eigentümerschaft der Grundstücke und Felder und auch keine Abzäunung zwischen den Landparzellen. Vor der britischen Kolonialherrschaft war das Leben in Chin vom Leben in Gemeinschaft geprägt.

Die Dorfgemeinschaften arbeiteten gemeinschaftlich nach Tradition des Wanderfeldbaus, in dem sie Felder anpflanzten, dann ernteten und das Feld schließlich ruhen ließen, und das nächste Mal an einem anderen Ort anbauten. Die Bauern der Chin-Gegend erzählen in ihren Geschichten oft mit Stolz von dieser landwirtschaftlichen Tradition.

Dann jedoch brachten die Briten die neue Idee von privatem Landbesitz ins Land, so dass nun ein weißes Stück Papier mit einem offiziellen Stempel bestimmte, wem ein bestimmtes Grundstück gehörte. Dieses neue System wurde jedoch nicht allerorts angewandt.

Im Bundesstaat Chin, rund um die Hauptstadt Hakha herum, liegt der Grundbesitz einiger der umliegenden Dörfer noch immer bei dem Kollektiv, andere hingegen sind in privaten Händen. Doch nun soll die traditionelle Art des Landbesitzes bald der Geschichte angehörten.

Eine Änderung des Gesetzes zur Nutzung von leerstehendem, brachem und unberührtem Land (VFV genannt) wurde am 11. September 2018 eingeführt. Das Gesetz sieht vor, dass all das Land, dass nach VFV eingestuft werden kann, innerhalb von sechs Monaten als Eigentum registriert werden muss, sonst wird die Nutzung des eigenen Landes als unbefugtes Betreten im kriminellen Sinn angesehen.

Dawt Cung, ein Landbesitzer im Chin-Gebiet, sagt aus, dass ihm in den Jahren 1992, 2012 und 2016 Land weggenommen wurde. Im Jahre 1945 besaßen seine Eltern 195 Acker und diese wurden ihm vererbt. Nun besitzt er nur noch 15 Acker. In seiner Empörung ging Dawt Cung auf die Straße, um gegen den Landraub zu demonstrieren.

Auch andere, denen Land von unter den Füßen hinweg weggenommen wurde, schlossen sich den Protesten an. Die Landbesitzer der Chin-Region reisten vierzehn Mal in die Hauptstadt Myanmars, Naypyidaw, in der Hoffnung, eine Besprechung mit dem Landwirtschaftsminister ausmachen zu können. In Chin marschierten sie durch die Hauptstraße Hakhas, um gegen den Landraub zu protestieren.

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1. & 2. Dawt Cung hält die Besitzurkunde des Landes seiner Familie in die Höhe. (Hakha, Myanmar, 20. Februar 2019)
3. Dawt Cung hält die Besitzurkunde des Landes seiner Familie in die Höhe. Auf der Rückseite ist der Stempel der britischen Kolonialherrschaftsmacht zu sehen, wenn man es gegen das Licht hält. (Hakha, Myanmar, 20. Februar 2019)

„Die Situation verbessert sich langsam für uns, aber wir sind noch immer untröstlich traurig, dass Regierungsbeamte unser Land stehlen, um sich zu bereichern“, sagt Dawt Cung, während er auf einem Stuhl aus Kuhhaut in seinem Haus in Hakha an einer Tasse Tee nippt.

Er kämpft noch immer dafür, das Land, das ihm von seinen Eltern vererbt wurde, wiederzubekommen. Doch die Änderung des VFV-Gesetzes sorgt ihn nun noch mehr.

Er spricht sich entschieden gegen das gesamte Konzept aus.

„Es gibt kein Land, das sich nach VFV definieren lassen kann, […] und die Regierung sollte aufhören, es als solches zu beanspruchen. Der Bundesstaat Chin weist keine Bodenschätze auf und so möchte sich jeder Regierungsbeamte bereichern und private Geschäfte abwickeln, um von dem Land in der Region zu profitieren“, erklärt Dawt Cung.

Die Frist zur Registrierung von Landbesitz ist am 11. März abgelaufen.

Wie funktioniert dieser Prozess?

Das VFV-Gesetz basiert auf dem Konzept von „Brachland“, welches von der britischen Kolonialherrschaftsmacht eingeführt wurde. Im Jahre 1861 wurde die „Regelung zur Bewilligung von Brachland“ eingeführt und legte das Fundament für den Aufbau von Plantagen mit herrschaftlichen Anwesen zum Nutzen der Briten und der örtlichen Eliten. Das britische Gesetz wurde erst im Jahre 2012 vom Gesetz zum Management des VFV-Landes ersetzt.

Nach dieser Regelung erhalten Landbesitzer, die ihr Land als VFV registrieren, nicht das Recht zum Privatbesitz, sondern Pachtrecht für 30 Jahre.

„Sie drängen uns jetzt, unser Land als VFV zu registrieren und im Gegenzug erhalten wir einen Vertrag für 30 Jahre. Wenn die 30 Jahre vorbei sind, können sie uns das Land wegnehmen und es könnte jemand anderem gehören [wenn sie dann nicht wieder einen weiteren Antrag stellen]”, erläutert ein Abgeordneter für die Chin-Region, Minister Mo Za Tlem. Ihr wurde ihr Land in Hakha ohne Vergütung genommen und sie kämpft noch immer für eine Entschädigung. Sie betont, dass „dies sehr gefährlich“ für sie, die Bürger, sei.

Der Vorgang für jene, welche ihren Landbesitz nach Brauchgesetz aufgeben und das Land für VFV anmelden, weil sie sich fürchten, sonst inhaftiert zu werden, ist lang und komplex. In vielen ländlichen Gegenden der Republik haben Landeigentümer keine Grundbesitzurkunde, welche in Myanmar als „Formular 7 Registration“ bekannt ist.

„Der gesamte Vorgang ist verwirrend und die Regulierungen sind nicht klar vom VFV-Gremium definiert worden“, erklärt Glenn Hunt, Landberater für OneMap Myanmar, einer Institution, die eine Plattform für offen zugängliche Daten über die Geografie Myanmars erstellt.

Er fügt hinzu: „Bis wir Einblick in das Kleingedruckte erhalten, […] werden die Dorfgemeinschaften sich weiter Sorgen machen.“

Im Fall einer Ablehnung des Antrags, wird der Landbesitzer vertrieben und eine Zwangsräumung veranlasst werden. Zu diesem Zeitpunkt besteht kein Vorgang für Bürger Einspruch gegen eine Entscheidung einzulegen. Sollte unberechtigtes Betreten zur Anklage führen, kann dies zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von 500,000 Myanmar Kyat (292€) führen.

Der Vize-Direktor des Ministeriums für Landwirtschaft, Nutzvieh-Management und Statistik Hlwa Moe verteidigte die Strafen, die die Regierung für unberechtigtes Betreten von VFV-Land auferlegt. „Ich glaube daran, dass diese Arten von Strafen für den Bruch von Gesetzen notwendig sind, und das ist der Grund, warum wir sie in diesem Maß ansetzen”, erklärte er Global Ground Media.

Worauf begründet sich die Gesetzesänderung?

Myanmar hat eine lange, traurige Geschichte des Landraubes.

Während der Militärdiktatur wurde Land konfisziert, um weitläufige Kasernen zu bauen und Bauaufträge für kontroverse Minen und Wasserkraft-Elektrizitätswerke an ihre Kumpane zu vergeben, ohne Rücksicht oder Vergütung für die Vertrieben und verdrängten Dorfbewohner. Während des Wahlkampfs im Jahre 2015 machte die Partei namens Nationales Bündnis für die Demokratie (NLD) unter der Führung von Aung San Suu Kyi den Landraub zu einem entscheidenden Teil ihres Manifestes.

Viele ethnische Minderheiten haben gehofft, dass ihnen ihr Land zurückgegeben werden würde, wenn die NLD an die Macht kommen würde.

Teile der betroffenen Grundstücke wurden vom Militär als Brachland eingestuft und andere wurden von der Regierung als VFV-Land definiert. Jedoch sind die Aufzeichnungen im höchsten grade fragwürdig, behaupten viele Institutionen, die sich für die Landrechte der Bürger einsetzen. Viele der fraglichen Landteile wurden als Brachland konfisziert und sind fälschlicherweise als VFV- Landparzellen in die Unterlagen eingegangen, obwohl sie tatsächlich noch von den ansässigen Bauern kultiviert und bebaut werden.

Die Allianz der Vereinten Nationalitäten, eine der besagten Landrechtsgruppen, hat das VFV-Gesetz von Anfang an bekämpft, selbst bevor die Änderung öffentlich unterbreitet worden war. Die Gruppe vertritt die Meinung, dass das neue Gesetz raffgierige Richtlinien enthält, die es darauf anlegen, Außenstehenden Zugang zu Land zu bieten, das bis dahin in Händen ethnischer Minderheiten lag.

„Die Provision, dass Pachtverträge für 30.000 Acker (12.149 Hektare) für 30 Jahre gewährt werden, richtet sich nicht an kleine örtliche Subsistenzbauern, sondern ohne Zweifel an nationale und internationale Investoren, Busenfreunde der Regierung und reiche Opportunisten“, drückt ihre Stellungsnahme aus, die als Antwort zur VFV-Gesetzesänderung veröffentlicht wurde.

Der Landberater Hunt jedoch sagt, dass es bislang unklar ist, was die wahre Motivation der Regierung ist, die hinter der Änderung steckt. Einerseits, sagt er, könnte dies ein Schritt sein, „um Land an Bürger und Bauern ohne Land zurückgeben“, besonders in Fällen, in welchen das Land derzeitig nicht effektiv kultiviert wird.

Andererseits könnte auch mutwillig schädigende Absichten hinter der Änderung liegen.

„Das neue Gesetz wird fort weg angewandt, um Landinvestoren große Mengen an Land zu gewähren. Oftmals handelt es sich dabei um von Einheimischen landwirtschaftlich bebautes Land”, sagt Ben Hardman, juristischer Vize-Direktor von der Organisation Earth Rights International in einem Interview mit Voice of America.

Myanmar hat viele Bodenschätze, die von Jademinen im Staat Kachin bis hin zu Öl- und Gasvorkommen im Staat Rakhine reichen. Obwohl der Staat Chin das meiste VFV-Land in der Republik aufweist, ist es eine bergige Region mit schwacher Infrastruktur und unzureichenden Straßen. Dies bedeutet, dass andere Bundesstaaten mit fruchtbareren Nährböden mit größerer Wahrscheinlichkeit von umfangreichen, intensiven landwirtschaftlichen Projekten betroffen und Landraub im großen Umfang zum Opfer fallen könnten.

Alex Htoo, von der Organisation Land in Our Hands, einer weiteren Institution zur Bewahrung der Landrechte in Myanmar, missbilligt die grundlegende Prämisse des Gesetzes. Er glaubt, dass dieser Regulierung opportunistische Motive zugrunde liegen, die sich gegen ethnische Minderheiten richten und die die Auslöschung dieser Gruppen zur Folge haben, oder diese gar systematisch verursachen könnten. „Dies ist ein weiterer Versuch der Regierung, den ethnischen Minderheiten ihr Land wegzunehmen“, sagt er.

Besitz nach örtlichem Brauchgesetz ohne juridische Absicherung

Selbst wenn die Gesetzesänderung die klare positive Ansicht hätte, ungenutztes Land, landlosen Bauern zur Verfügung zu stellen, so stellt sich doch die Notwenigkeit ein, den vertrieben Ortsansässigen ein Sicherheitsnetz zu bieten. Myanmar ist die Heimat von 134 verschiedenen ethnischen Volksstämmen und viele von ihnen haben jahrhundertelang vom Jagen und Sammeln gelebt, oder aber Wanderfeldbau betrieben.

Es ist wichtig anzumerken, dass nach Paragraph 30a, Land, das von einheimischen Stämmen nach Traditionsgesetz beherbergt, von der Verpflichtung freigestellt ist, einen Antrag einreichen zu müssen. Jedoch besteht keine eindeutige Definition, wer dieses Recht genießt und es existiert auch keine Karten oder Urkunden darüber, welche Teile des Landes als „nach traditionellem Recht bewohnte Gegenden“ gelten. Es ist daher zweifelhaft, ob diese Freistellung tatsächlich Auswirkungen auf die Realität der ethnischen Minderheiten haben wird, da unklar ist, welche Gebiete anerkannt werden und welche nicht.

Ko Ye Lin Myint, der Landesvorsitzende der Organisation Myanmar Allianz für Transparenz und Rechenschaft (MATA) erklärt, dass die Brauchsgesetze kollektiv von den Stämmen festgelegt wurden, die ihr Land eigenständig verwalten. Er fügt hinzu, dass dieses System schon bestand „bevor Birma, Birma hieß und lange bevor es zu Myanmar umbenannt wurde […] und es ist eine Beleidigung, die Existenz, Identität und Geschichte der ethnischen Minderheiten zu ignorieren und ihnen das Land zu rauben, auf welchem sie seit Generationen gelebt haben.“

Arbeit im Bereich des Landrechts und den damit verbundenen Fällen in Myanmar ist eine kontroverse und gefährliche Angelegenheit. Ko Ye hat eine Reihe von Morddrohungen erhalten und weitere Mitglieder von MATA in ganz Myanmar wurden ermordet oder verurteilt, weil sie ihr Land verteidigt oder Korruption öffentlich gemacht haben.

Er sagt, dass die Umsetzung des Gesetzestextes auf Eis gelegt werden muss, und dass die Regierung die Aufgabe hat, die ethnischen Minderheiten in dieser Angelegenheit anzuhören und ihre Meinungen in die Entscheidungsfindung miteinfließen zu lassen, statt ohne Rücksprache mit den Bürgern nach Vorn zu preschen.

Der Direktor der nationalen Organisation Land Core Group, Shwe Thien, setzt sich für das Argument ein, dass die Gesetzesänderung in einem positiveren Licht wahrgenommen werden würde, wenn die Regierung „integrative und transparente Rücksprache“ mit den Oberhäuptern ethnischer Minderheiten und Landrechtsorganisationen halten würde.

Der Vize-Direktor des Ministeriums für Landwirtschaft, Nutzvieh-Management und Statistik, Hlwa Moe, konnte nicht aussagen, wie viele Bürger in den vergangenen sechs Monaten einen Antrag für ihr Land in Rahmen der VFV-Landregistrierung gestellt haben. Er verteidigte die Gesetzesänderung jedoch, mit der Aussage, dass es eine „Möglichkeit für illegale Landbesetzer darstellt, sich ordnungsgemäß zu registrieren, statt weiterhin illegal Landwirtschaft zu betreiben.“

Bedenken um Konflikte zwischen einheimischen Stämmen

Myanmar ist derzeit mit zahlreichen internen Konflikten konfrontiert, insbesondere in den nördlichen Staaten Shan, Kachin und Rakhine. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in den Staaten Rakhine, Kachine, Shan und Kayin allein etwa 244.000 Menschen aufgrund dieser Konflikte verdrängt wurden und zu internen Flüchtlingen geworden sind. Diese Menschen könnten auch zum größten Ausmaß von der VFV-Gesetzesänderung betroffen werden.

Auch im Westen des Bundesstaates Chin, an der Grenze zum Staat Rakhine, sind kürzlich Konflikte ausgebrochen.

Nach der „Räumungsoperation“ des Militärs, welche verursachte, dass mehr als 700.000 Rohingya in nach Bangladesch fliehen mussten, sind in diesem Jahr erneute Konflikte zwischen der ethnischen Minderheitsarmee „Arakan Army“ und dem Militär Myanmars im Staat Rakhine eskaliert. Über 200 Menschen flüchteten aus der Nähe des Dorfes Paletwa im Staat Chin nach Bangladesch.

Diese gefährdeten Menschengruppen sind nicht in der Lage in ihre Heimat zurückzukehren und einen Antrag auf eine Registrierung ihres Landes zu stellen. Selbst wenn sie in ihre Dörfer zurückkehren könnten, wäre es höchst zweifelhaft, dass sie die nötigen Dokumente zum Beweis ihres Landeigentum aufbringen könnten, um den Antrag zu stellen, da sie ihre Heimat unter Zwang während bewaffneter Konflikte verlassen mussten.

Der Großteil des Landes, das die Regierung als VFV-Land anerkennt, befindet sich in den sieben Bundesstaaten, die von ethnischen Minderheiten bewohnt werden.

Dies führt sich zurück auf eines der zentralen Wahlversprechen der NLD im Jahre 2015. Der Schutz von Landbesitz nach Brauchgesetz und die Aufklärung der Fälle von Landraub sind die wichtigsten Forderungen der ethnischen Minderheitsparteien in den Nationalen Friedensverhandlungen, angeführt von Aung San Suu Kyi. Es ist somit keine Überraschung, dass die Aussicht zu unbefugten Eindringlingen auf ihrem eigenen Land zu werden, laute Proteste unter den Menschenrechtsorganisationen des Landes, besonders unter ethnischen Minderheiten, ausgelöst hat.

Auf die Frage hin, was er von dem neuen Gesetz halte, antwortete Run Peng, ein Nutztier-Bauer aus Chin nur mit einem Kopfschütteln und nannte es ein „Gesetz der Lügen“. Er glaubt, dass „das Gesetz dazu dient, der Regierung ein Mittel zu geben, unser Land zu stehlen.“

Denn selbst diejenigen, die den Registrierungsprozess erfolgreich durchlaufen, erhalten nicht mehr als einen Pachtvertrag für 30 Jahre und verlieren den Besitz des Landes, das seit Generationen weitervererbt wurde, von unter ihren Füßen hinweg. „Der Minister für Landwirtschaft sagte, dass das VFV-Gesetz den Staat Chin nicht betreffe [wegen der Ausnahmeregelung für traditionell selbstständig regierte Regionen], doch gleichzeitig machte er uns deutlich, dass wir unser Land verlieren würden, sollten wir keinen Antrag einreichen. Es ist sehr irreführend“, erklärte Run Peng.

Juristen haben auch aufgezeigt, dass in dem Gesetz keine Mediationsmechanismen vorliegen, für den Fall, dass zwei Bürger Anspruch auf das gleiche Grundstück stellen.

Das zusammenfügen der Puzzle-teile der Landreform

Tim Millar, Direktor für Myanmar der Landrechtsgruppe Namati, fügt hinzu, dass das neue Gesetz in Konflikt mit den positiven Veränderungen steht, die die Nationale Landnutzungs-Regulierungen hervorgebracht haben, die im Jahre 2016 implementiert wurden, nach dem Wahlsieg der NLD. Die Regierung hat sich die Mühe gemacht, Rücksprache mit vielen verschiedenen Interessenvertretern zu halten und ein integratives Landnutzungs-Regulationskonzept zu erschaffen. Dann jedoch war das erste Gesetz, welches diese Regierung implementierte, das absolute Gegenteil all ihrer vorherigen Bemühungen”, sagte er.

Sein Team hat kürzlich eine landesweite Umfrage abgehalten, um eine Einschätzung zu treffen, wie viele Menschen, sich der Gesetzesänderung bewusst sind. Die 290 abgeschlossenen Interviews in vier Bundesstaaten ergaben, dass 72% der Bevölkerung nicht von dem VFV-Gesetz gehört hatten oder sich vage an etwas erinnern konnten, aber nicht verstanden, worum es in der Änderung ging. Nur 1% der Befragten war sich bewusst, dass Land, das nach Brauchgesetz bewohnt ist, von der Auflage des VFV-Gesetzes ausgeschlossen ist.

„Sie werden vor die Wahl gestellt, ihren nach Brauchgesetz gewährten Landbesitz aufzugeben und stattdessen einen Antrag auf geschwächte, restriktive, aber legale Landnutzungsrechte zu stellen, oder sich dafür zu entscheiden, für ihr Recht auf Landbesitz zu kämpfen und zu riskieren, verdrängt zu werden und Jahre im Gefängnis zu verbringen“, erklärte Ben Hardman, juristischer Vize-Direktor der Organisation Earth Rights International im Interview mit Voice of America.

Die kriminellen Strafen für widerrechtliches Betreten von VFV-Land hat 41 internationale und örtliche Nichtregierungsorganisationen dazu angehalten, einen offenen Brief an das VFV-Landmanagement-Gremium zu schicken, und zu appellieren, das Gesetz zu unterbinden, um zu verhindern, dass „Gefängnisstrafen und Verdrängung von unschuldigen Individuen“ weiterhin vorkommen.

„Es ist eine schwierige Angelegenheit, sich Klarheit über Dinge, wie die traditionelle Landnutzung nach Brachgesetz zu verschaffen, indem man existente Gesetze anpasst – wie hier geschehen mit dem VFV-Landgesetz – statt ein übergreifendes Landmanagement-Regulierungskonzept zu schaffen, wie es die Nationale Landnutzungs-Regulierung vorgesehen hat“, hält das Myanmar Zentrum für Verantwortliche Geschäftspraktiken in einer Stellungnahme fest.

Die Regierung hat den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (ICESCR) im Jahr 2017 unterzeichnet und ratifiziert. Dies ist eine wichtige Konvention, welche marginalisierten Gruppen die Möglichkeit bietet, individuelle Beschwerden an internationaler Stelle zu melden, in Bezug auf die Missachtung ihrer sozio-ökonomischen Rechte.

MCRB hat jedoch bereits ausgesagt, dass Myanmars Landgesetze, einschließlich des VFV-Gesetzes, nicht konform mit dem Pakt sind.

„Wir glauben, dass die Umsetzung dieses geänderten Gesetzes aufgehalten werden sollte, zumindest bis dahin bis eine erfahrene Menschenrechtskommission die potenziellen Auswirkungen begutachtet hat“, schrieb die Organisation in einem offenen Brief an die Regierung.

Juristische Experten stimmen zu, dass das VFV-Gesetz zu Problemen mit verantwortungsbewussten Investoren führen und auch offizielle und traditionelle Landbesitzer negativ beeinflussen würden.

Ein Brief, der von internationalen Investoren des Mineralentwicklungsverbandes, an das Ministerium für Rohstoffe und Umweltschutz gesandt wurde, beinhaltet die folgenden Bedenken: „Unsere Hauptsorge ist, dass ähnliche Anliegen bereits von anderen Unternehmen in anderen Geschäftssektoren angesprochen wurden. Insbesondere sind wir der Ansicht, dass es nicht wahrscheinlich ist, dass Klarheit über den Landbesitzanspruch geschaffen werden kann, indem existierende Gesetze umgeschrieben werden, wie im Fall des VFV-Gesetzes.“

Dawt Cung, der Bauer, der den Verlust seines Landes in Demonstrationen protestiere, fürchtet, dass seine Enkelkinder das Recht verlieren können, die Wälder, Wasserwege und Gegenden zu betreten, die die Regierung als VFV-Land einstuft, obwohl sie sich seit Generationen in seinem Familienbesitz befunden haben.

Während der Feier des Nationalfeiertages in Chin im letzten Monat, vor dem Beginn der traditionellen Ringkämpfe und Tänze, hofften Dawt Cung und einige Bauernverbände aus der Gegend darauf, mit dem Präsidenten zu sprechen, der für die Feierlichkeiten nach Hakha geflogen war. Es stellte sich jedoch heraus, dass dieser nur zum Händeschütteln angereist war. In seiner dicht bestickten traditionellen Jacke der Chin-Region hebt Dawt Cung abwehrend das Kinn und sagt nachdrücklich: „Wir werden nicht aufgeben. Wir werden alles tun, um für unser Land [zu kämpfen].“

Der Präsident Myanmars, Win Myint, kommt mit seinem Begleitgefolge in Chin an, um an den Festlichkeiten teilzunehmen. (Hakha, Myanmar, 20 Februar 2019)

Die Einwohner Chins sind sehr stolz auf ihre Identität und auf ihre Beziehung zum Land ihrer Vorfahren. Hier versammeln sich Jugendliche in Hakha für den Nationalfeiertag des Staates Chin. (Hakha, Myanmar, 20. Februar 2019)

Nationalfeiertag des Staates Chin in Hakha. Der Staat Chin ist die Heimat vieler verschiedener Stämme. (Hakha, Myanmar, 20. Februar 2019)

In Hakha führen die Dorfoberhäupter den Tanz zu Ehren der Vorfahren an. (Hakha, Myanmar, 20. Februar 2019)

Article, pictures and video by Libby Hogan.
Research by Aung Naing Soe.
Editing by Mike Tatarski and Anrike Visser.
Illustration by Imad Gebrayel.
Interactive map by Fabian Stricker.

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