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Die Geschichte verpflichtet

Kambodschas Vietnamesen (Teil 3)

29 May 2019

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Kambodschas vielfältiger ethnischer Mix hat dazu beigetragen, die reichhaltige architektonische, religiöse und kulinarische Landschaft des Landes zu gestalten und zu entwickeln. Während die Khmer den Hauptteil der Bevölkerung stellen, deuten die Hochland-Ethnien und seit neuestem auch chinesische, cham und vietnamesische Migranten auf die historische regionale Anziehungskraft Kambodschas hin. (Die Cham sind die ethnische Muslim-Minderheit in Kambodscha, die von der ECCC ebenfalls als Opfer des Völkermords der Roten Khmer identifiziert wurden.)

Das moderne Kambodscha ist ein imperiales Produkt. Auf seinem Höhepunkt im 12. Jahrhundert umfasste das Angkor-Königreich schätzungsweise 1 Million Quadratkilometer und seine Hauptstadt Angkor Wat war die bevölkerungsreichste Stadt der Welt. Heute findet man angkorianische Denkmäler so weit entfernt wie an der thailändischen Grenze zu Myanmar, sowie im Südvietnam und Laos.

Der darauffolgende Niedergang Angkors führte zusammen mit der Expansion der Nachbarländer Thailand und Vietnam dazu, dass diese territorialen Ansprüche schrumpften – eine Entwicklung, die 1863 ihren Höhepunkt erreichte, als Kambodscha als Teil des französisch besetzten Indochina französisches Protektorat wurde. Es wurde eine große Anzahl an vietnamesischen Beamten und Bürokraten nach Kambodscha gebracht, um bei der Umsetzung der französischen Kolonialpolitik zu helfen. Viele von ihnen blieben, als das Land 1953 die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte.

1969 befanden sich schätzungsweise 400.000 Vietnamesen unter den 7 Millionen Einwohnern in Kambodscha. Die anti-vietnamesische Gewalt im Jahr 1970 – als General Lon Nol durch einen Putsch an die Macht kam – führte zur Vertreibung von 200.000 vietnamesischen Familien und etwa 4.000 Toten durch Massenausschreitungen.

Die Notlage der vietnamesischen Bevölkerung Kambodschas wurde durch die Niederlage der Regierung Lon Nol im April 1975 durch die Rote Khmer nur noch verschlimmert. Obwohl die Rote Khmer ihren kommunistischen Kameraden in Vietnam hinsichtlich ihrer frühen Ausbildung und materieller Unterstützung viel verdankte, führte langjähriger Hass und Misstrauen schnell dazu, dass alle vietnamesischer Einwohner aus Kambodscha vertrieben wurden – und viele davon niedergemetzelt.

Der lang erwartete Höhepunkt des zweiten Prozessabschnitts im Jahr 2018 führte endlich dazu, dass die überlebenden Hauptanführer der Roten Khmer – Khieu Samphan und Nuon Chea – vor den Außerordentlichen Kammern des kambodschanischen Gerichts (ECCC) wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Verstöße gegen die Genfer Konventionen von 1949 schuldig gesprochen wurden.

Shorn geht durch das Maisfeld hinter ihrem Haus, das zur Begräbnisstätte ihrer Verwandten führt. (Pak Nam, Kambodscha, 9. Februar 2019)

„In jedem Fall wurden Vietnamesen nicht als Einzelpersonen anvisiert, sondern aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit und ihrer empfundenen ethnischen Zugehörigkeit. Dies geschah im Rahmen der [Roten Khmer]-Politik, die speziell auf Vietnamesen als Gruppe abzielte, einschließlich Zivilisten. Bis Ende 1976 wurden die Vietnamesen des Landes verwiesen und ab April 1977, getötet“, heißt es dazu im zusammenfassenden Urteil der Strafkammer.

„Die böse Yuon-Rasse wird vom Erdboden verschwinden. Und wir Kambodschaner werden ein glückliches Volk sein.“  – Pol Pot

„Und jetzt, was ist mit den Yuon? Es gibt keine Yuon auf kambodschanischem Gebiet. Früher gab es fast 1.000.000 von ihnen. Jetzt ist keine einzige Spur von ihnen zu finden.“  – Die “Revolutionäre Flaggen-Zeitschrift” der Roten Khmer, April 1978

Die Rote Khmer wurde Anfang 1979 im Rahmen einer groß angelegten Intervention des vietnamesischen Militärs gestürzt, wobei der Putsch von Überläufern der Roten Khmer unterstützt wurde – darunter der derzeitige kambodschanische Premierminister Hun Sen und andere führende Politiker. Zwischen 1975 und Januar 1979 war die Bevölkerung Kambodschas um schätzungsweise 2 Millionen Menschen zurückgegangen – zu den 20.000 ermordeten Vietnamesen kamen über 1 Million Khmer, Cham und Angehörige anderer ethnischer Gruppen, die unter der Roten Khmer an Hunger, Überarbeitung und fehlender medizinischer Versorgung gestorben waren.

Die Geduld des jetzt vereinigten Vietnam wurde in dieser Zeit durch jahrelange grenzüberschreitende Überfälle durch die Streitkräfte der Roten Khmer auf eine harte Probe gestellt. Sobald ihre Intervention begann, gewannen die Streitkräfte unter vietnamesischer Führung schnell Kontrolle über einen Großteil Kambodschas. Allerdings hielten sich Widerstandsgruppen der Roten Khmer – vor allem entlang der thailändischen Grenze, wo sie Unterstützung von westlichen Ländern und China erhielten. Der Widerstand brach erst mit dem Tod des Führers Pol Pot und der Kapitulation der verbliebenen Roten Khmer im Jahr 1998 vollends zusammen.

Nachdem relative Normalität nach Kambodscha zurückgekehrt war – wenn auch unter vietnamesischer Führung – kehrten viele der 1975 geflohenen kambodschanisch-vietnamesischen Familien zurück, gefolgt von zahlreichen neuen vietnamesischen Migranten. Die UNO, sowie ein Großteil der internationalen Gemeinschaft, erkannte die neue Regierung in Kambodscha allerdings nicht an und unterstützte stattdessen den Verband aus royalistischen, nationalistischen und Rote-Khmer-Gruppen entlang der thailändischen Grenze. 1983 stellten die Vereinten Nationen in einer Hauptversammlung fest, dass sie über die berichteten demographischen Veränderungen, die von ausländischen Besatzungskräften in [Kambodscha] ausgingen, „sehr besorgt seien.

Nach dem Abzug vietnamesischer Truppen im Jahr 1990 und im Vorfeld der von den Vereinten Nationen unterstützten nationalen Wahlen im Jahr 1993 richteten sich Einheiten der Roten Khmer erneut gegen kambodschanisch-vietnamesische Gemeinden in Kambodscha und zwangen Familien nahe der Grenze, zu fliehen. Zwischen 1992 und 1993 wurden laut Amnesty International etwa 130 Kambodscha-Vietnamesen in Kambodscha getötet und 75 Menschen verletzt, zusätzlich zu einer ungewissen Anzahl an vermissten und vermutlich getöteten Personen.

Der Bericht verdeutlichte den Hass und das Misstrauen, das den Vietnamesen in Kambodscha unter der Regierung der Roten Khmer entgegenschlug und zitierte General Nuon Bunno aus dem Jahr 1992: „Weil die Yuon [….] Angreifertruppen immer noch ihre Aggression und Besetzung Kambodschas fortführen, während die Youn-Einwanderer weiterhin Land und Höfe des kambodschanischen Volkes plündern und damit das kambodschanische Volk akut gegen sich aufbringen.“

1.Häuser in Pak Nam. (Pak Nam, Kambodscha, 9. Februar 2019)
2.Kambodschanisch-vietnamesische Einwohner in Pak Nam. (Pak Nam, Kambodscha, 9. Februar 2019)
3.Häuser in Pak Nam sind dem vietnamesischen Design viel ähnlicher als dem kambodschanischem. (Pak Nam, Kambodscha, 9. Februar 2019)

„Yuon“ ist das traditionelle Khmer-Wort für Vietnam und Vietnamesisch, aber da es in den letzten Jahren eine abfällige und aggressive Nebenbedeutung angenommen hat, mag die kambodschanisch-vietnamesische Gemeinde es nicht. Führende zeitgenössische kambodschanische Oppositionelle, darunter Parteiführer der inzwischen verbotenen „Cambodia National Rescue Party“ (CNRP) wie Sam Rainsy (der nach einer Reihe von politisch motivierten Anschuldigungen gegen ihn im selbst auferlegten Exil in Frankreich lebt und ein lautstarker Kritiker der Regierung geblieben ist), haben die Verwendung des Wortes verteidigt. Denn sie versuchen, die Regierung von Hun Sen – die zu einer Zeit eingesetzt wurde, als vietnamesische Truppen Kambodscha kontrollierten – als Marionetten von Hanoi darzustellen und die vietnamesischen Bewohner Kambodschas als geheime Unterstützungsmacht.

Was auch immer für akademische Argumente und historische Gründe für seine Verwendung es geben mag, die vietnamesische Gemeinde in Kambodscha billigt das Wort nicht. Die Einwohner von Pak Nam wurden darauf angesprochen sichtlich erregt.

„Es ist nicht leicht, das Wort Yuon zu hören. Es klingt für mich beleidigend. Unter Freunden würde man sich nie so nennen, sondern wir würden uns „Viet“ nennen. Aber zum Glück hört man „Yuon“ jetzt immer seltener“, erklärt Tho.

Die derzeitigen Dorfbewohner berichten auch von friedlichen Beziehungen zu ihren Khmer- und Cham-Nachbarn. Tatsächlich geht ein Großteil der anti-vietnamesischen Rhetorik von Gebieten aus, die weit von der Grenze entfernt sind und wo die Begegnungen zwischen Vietnamesen und Khmer oft begrenzt sind, wie Raymond Hyma erklärt, Regionalberater für die kambodschanische Menschenrechts-NGO Women Peace Makers.

„Wir können viel von Gemeinden lernen, die tatsächlich in einem gemischten Umfeld leben und mit denjenigen in Kontakt kommen, die wir in unserem eigenen Umfeld als ‚anders‘ oder ‚Fremde‘ betrachten“, sagt er.

„Wenn wir den Gemeinden entlang der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam zuhören, stellt das viele unserer Annahmen aus dem fernen Phnom Penh in Frage, wo die Menschen die Grenze oft als ein Spaltthema oder als eine Brutstätte von Konflikten betrachten. Obwohl wir natürlich auch von negativen Gefühlen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen hören, finden sich viele andere Beispiele für  gelungene Integration und Freundschaft im täglichen Leben von Khmer, Indigenen, ethnischen Vietnamesen, Cham Muslimen und anderen Gemeinschaften, die Seite an Seite leben“, meint Hyma. In Kambodscha gibt es etwa 15 unterschiedliche ethnische Gruppen.

Kambodschanische Nationalstraße 21B nach dem kambodschanischen Grenztor. (Pak Nam, Kambodscha, 9. Februar 2019)

Van und seine Frau Lai leben seit 1982 in Pak Nam. Beide sind Kambodscha-Vietnamesen und sprechen davon, wie stolz sie sind, in Kambodscha aufgewachsen zu sein.

„Die Roten Khmer zwangen uns 1975, Kambodscha zu verlassen und wir lebten in der Provinz Tay Ninh, gleich hinter der Grenze [in Vietnam]. 1982 heirateten wir und zogen dann zurück nach Kambodscha, zuerst nach Kampong Thom, dann nach hier“, erklärt Lai, während sie von der überdachten Veranda ihres bunt eingerichteten Hauses auf die Felder ihrer Familie blickt. Sie wurde in einem schwimmenden Dorf auf dem Tonle Sap See geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit auf dem Wasser.

„Wir werden die Staatsbürgerschaft und die korrekten Papiere beantragen, sobald es uns erlaubt ist [in fünf Jahren]. Ich möchte eine offizielle Nationalität haben“, sagt sie mit einem stolzen Lächeln.

Ihr Mann ist ebenso entschlossen, in Kambodscha zu leben: „Hier sind wir geboren. Von hier sind wir. Ich bin Kambodschaner. Selbst ohne Papiere fühle ich mich kambodschanisch.“

Article by Anrike Visser.
Editing by Mike Tatarski.
Illustrations by Imad Gebrayel.


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